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Wirtschaftsjournal sprach mit dem Hochschullehrer und Unternehmer Prof. Detlef Rahe

WJ: Herr Prof. Rahe, was bedeutet für Sie Design in erster Linie?
Prof. Rahe:
Ich habe einen eher breit gefächerten Begriff von Design.

Es geht mir darum, wie Absender und Empfänger – also Hersteller und Nutzer einer Sache–zusammenkommen und deren naturgemäß zunächst oft widersprüchlichen Interessen in Übereinstimmung gebracht werden können. Design hat dadurch sehr komplexe Funktionen,  die letztlich über Gebrauchsfähigkeit und Erfolg eines Gegenstandes bestimmen.
WJ: Sie haben somit eher eine funktionelle Auffassung, dabei ist die Lehre von Design meist an Kunsthochschulen angesiedelt.
Prof. Rahe:
Mein Funktionsbegriff beschränkt sich nicht auf die technische Funktion, er umschließt ergonomische, ästhetische, soziale und ökologische Dimensionen. Und so ist Design heute nicht nur an Kunsthochschulen, sondern auch an Fachhochschulen und Universtäten eine etablierte Disziplin.
In anderen Ländern übrigens hat sich Design auch aus den Ingenieurwissenschaften oder aus der Architektur entwickelt. In Deutschland waren vor allem das Bauhaus und die Hochschule für Gestaltung in Ulm maßgebend.

 

WJ: Ihre erste Professur für Design haben Sie an der Fachhochschule Anhalt erhalten. Was hat Sie an den damit verbundenen Aufgaben gereizt?
Prof. Rahe:
Zunächst natürlich der Mythos. Das Bauhaus in Dessau ist ein der Ikonen der Moderne und genießt noch immer weltweite Beachtung, obwohl es ja 1932 Jahre nach nur 6 Jahren als Hochschule geschlossen wurde. An diesem historisch so bedeutsamen Ort nach über 60 Jahren Pause wieder eine Designausbildung etablieren zu können, ist eine einmalige Aufgabe. Zusätzlich gereizt hat mich meine nicht nur familiäre, sondern auch persönliche Verbundenheit mit der Region. Ich war ja schon vor meiner Berufung - ganz früh nach der Wende - in Ostdeutschland und überwiegend in Sachsen aktiv. Der damalige Wirtschaftsminister Kajo Schommer hatte die Idee, mit vergleichsweise geringem finanziellem und zeitlichem Aufwand Unternehmer in Fragen des Marketings und Designs zu schulen. Diese sollten sich als Anbieter auf freien Märkten entfalten und die Grundlagen von Design und Marketing zur Steigerung von Wettbewerbsfähigkeit anwenden.

WJ: Konnten Sie Ihre Vorstellungen in Dessau verwirklichen?
Prof. Rahe:
Ja, zum Großteil. Auch wenn die Landesregierung in Magdeburg zunächst einen eher traditionellen und ehermaterialorientierten Ansatz, wie er am Bauhaus gepfelgt wurde, verfolte. Das Leben hat sich aber rasant weiterentwickelt. Schon seit der Ulmer Zeit ist der diziplinäre Ansatz weltweit zur Geltung gekommen,der Design nach Produkt-, Industrie-, Grafik-, Kommunikationsdesign usw. unterscheidet. Bei einem von mir in Dessau  angestrebten und in Teilen dann auch realisierten Konzept geht es aber um etwas ganz neues, nämlich um einen integrierten Studiengang, bei dem ergebnisoffene Fragestellungen und nicht die Disziplin im Vordergrund steht. Einen in Deutschland ersten kompletten echten integrierten Studiengang für Design konnte ich dann in Bremen realisieren.

WJ: Haben Sie in Dessau weitere positive Erfahrungen machen können?
Prof. Rahe:
Ja ganz viele! Mich faszinierten das unglaubliche Tempo und die Dynamik beim Aufbau, die Leidenschaft und das Engagement aller Mitstreiter, sowie die damit verbundene Aufbruchsstimmung. Dessau war ja seinem kulturellen Erbe beraubt worden. Und dieses wieder herzustellen – daran mitzuwirken, hat mich bereichert.

WJ: Sie sind in diesem Jahr wiederholt Mitglied der Jury des Sächsischen Staatspreises für Design. Welche Wettbewerbsbeiträge haben Sie bisher besonders beeindruckt?
Prof. Rahe:
Mich beeindruckt generell die Vielfalt Sachsens als Designstandort. Es hat nicht nur mit anderen Bundesländern gleichgezogen, sondern sie auch zum Teil schon überholt. Besonders hervorheben möchte ich einige konzeptionellen Arbeiten der Studierenden, die ein herausragendes Niveau haben. Das lässt für die Zukunft noch mehr hoffen. Dabei geht es nicht nur um die Gestaltung von Produkten, sondern um die Erfindung völlig neuer Nutzungsszenarien: Erfindung von Lösungen statt Gestaltung von Produkten.

WJ: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Produkt-/Industrie-Designer heute aus?
Prof. Rahe:
Er muss eine sehr detaillierte Wahrnehmung und großes Interesse am Zustand der Welt im Kleinen wie im Großen haben sowie die Dinge stets hinterfragen. Zudem muss er eine ausgeprägte Vorstellungskraft besitzen, also Produkte und ihre Nutzungen vorweg denken, bevor sie in der Realität sind. Schließlich ist eine Darstellungskraftund eine gute Kommunikationsfähigkeit wichtig.

WJ: Sie nennen keine handwerklichen Fähigkeiten.
Prof. Rahe:
Nein, Wahrnehmung, Vorstellungskraft und Darstellungskraft sind entscheidend.

WJ: Wie beeinflusst Ihre Tätigkeit als Hochschullehrer Ihr eigenes unternehmerisches Schaffen?
Prof. Rahe:
Durch die Studenten bleibt man gedanklich agil. Ihre oft unvoreingenommenen Fragen fordern heraus.  Gleichzeitig ist der Umgang mit Studenten eine Art unmittelbare Trendforschung. Man bekommt durch die jungen kreativen Leute frühzeitig mit, wie sich gesellschaftliche Werte und Verhaltensformen verändern. Denn schließlich muss ich selbst einlösen, was ich von den Studenten fordere.

Gespräch: Claudia Hillmann

Foto:
Hochschullehrer, Wissenschaftler und Unternehmer Prof.  Detlef Rahe:„Wahrnehmung, Vorstellungskraft und Darstellungskraft sind entscheidend.“

 

 

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