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Eugen Richter: „Sozialdemokratische Zukunftsbilder- frei nach Bebel“

Wem sind sie nicht geläufig, die Buchtitel „1984“ von George Orwell und „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley. Während Orwell nach vielen persönlichen Irrwegen und Erfahrungen mit dem Totalitarismus sowjetischer Prägung und dessen Mitläufern in Deutschland, Frankreich, ja auf der ganzen Welt, seine Desillusionen im Roman aufarbeitete, schilderte Huxley die technischen Möglichkeiten eines perfekten Überwachungsstaates, welche mittlerweile viel ausgeklügelter als seinerzeit prognostiziert zum Alltag ge­hören.
Auch in Deutschland gab es eine literarische Warnung vor dem Gleichheitsfanatismus. Dem Verleger der Monatszeitschrift „eigentümlich frei“, André F. Lichtschlag ist es zu verdanken, in seiner Buchedition eine zugleich literarische und geschichtliche Kostbarkeit aufgespürt zu haben. Der liberale Politiker Eugen Richter (1836-1906), ein Kämpfer gegen Nationalismus, Protektionismus, Sozialismus und Antisemitismus, parodierte im Jahr 1891 die Thesen von August Bebel, der nach wie vor als Ikone der Sozialdemokratie gilt.
In Krisenzeiten des deutschen Liberalismus galt Eugen Richter als Hüter des freiheitlichen Erbes. Stets wandte er sich gegen Staatsverschuldung und damit ein her gehenden Staatssozialismus. Sein Buch, was man heute als einen „Bestseller“ bezeichnen würde, verkaufte sich seinerzeit 250.000 Mal. Es steht in beeindruckender Art und Weise für sein leider in Vergessenheit geratenes  politisches Werk.
Die Handlung bzw. die tagebuchartigen Aufzeichnungen des Protagonisten, der überzeugter Sozialdemokrat ist, und alle ihm und seiner Familie zugemuteten Entbehrungen bis kurz vor seinem Lebensende – gewissermaßen als die „Mühen der Ebenen“ erduldet – erstrecken sich vom „Glorreichen Sieg“ der internationalen Sozialdemokratie bis eben
zum bitteren Ende.
Mit nahezu stoischem Gleichmut beschreibt der Autor sozialdemokratische Visionen, denen sich mittlerweile alle politischen Parteien verschrieben haben. Hinter den Kapitelüberschriften wie „Die Siegesfeier“, „Die neuen Gesetze“, „Arbeitsanweisung“, „Der letzte Familientag“, Neues Geld“, „Der große Umzug“, „Volksbelustigungen“, „Auswanderung“, „Die neuen Staatsküchen“ verbergen sich ergreifende Schicksale. Da geht es um das Auseinanderreißen von Familien, Zwangsarbeit, Hunger, Enteignung, Entmündigung... All das geschieht natürlich im Namen der guten Sache... In der Tat: Wir lesen von einer „Schönen neuen Welt“.
Michael Sitte-Zoellner

Eugen Richter:
Sozialdemokratische Zukunftsbilder – frei nach Bebel. Mit einem Vorwort von Detmar Döring. – Edition Eigentümlich frei,Grevenbroich, 2006. 143 Seiten.

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